Unsere Tradition schreibt vor, dreimal täglich zu beten, Schacharit, Mincha und Maariv. Morgen-, Nachmittags- und Abendgebet sind eine Mizwa. Darüber hinaus sind die Gebete Nahrungsmttel für die Seele. So erklären es unsere Gelehrten. Wie der Körper regelmäßig Nahrung braucht, so braucht es auch die Seele. Das tägliche Gebet ist nicht nur Mizwa, sondern ein Rezept für gesundes Leben, ein medizinischer Ratschlag.

Im Jahr 2020 war unsere Synagoge fast das ganze Jahr geschlossen. Erstmals seit dem Mai 2002, dem Zeitpunkt der Einweihung der Synagoge, hatten wir ein so herausforderndes, trauriges Jahr. Purim war der erste Feiertag, der wegen Corona nicht in der gewohnten Form stattfinden konnte. Nur wenige Mitglieder sind gekommen, und unter dem Schatten von Corona war es keine fröhliche ausgelassene Feier, wie in den Jahren davor. Die Jewrovision, ein deutschlandweites Festival, auf das die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde sich das ganze Jahr freuen, wurde kurzfristig abgesagt. Die Hälfte der Kulturveranstaltungen der „Tage der jüdischen Kultur“ im Monat März sind ausgefallen. Pessach im April, Jom Haázmaut in Mai, Schawuot im Juni konnten nicht gefeiert werden. Allein zu Rosch HaSchanah und Jom Kippur war die Synagoge geöffnet und Gemeindemitglieder konnten unter den geltenden Einschränkungen entsprechend den Corona-Verordnungen, G´ttesdienste besuchen.

Es schmerzt besonders, dass die traditionelle Begrüßung des Schabbats am Freitagabend in der Synagoge nur eingeschränkt oder wie zurzeit nicht mehr stattfinden kann. Aber Gesundheit steht vor jeder Mizwa, sagt unsere Religion. Wir haben zu diesem Thema zwei Artikel von Rabbiner Portnoy, von vielen Mitgliedern sehr geschätzt, in unserer Zeitung „Jüdisches Chemnilz“ veröffentlicht. Die Mitglieder, die jahrelang der Kern und das Rückgrat der Schabbat-G`ttesdienste waren und denen wir zu großem Dank verpflichtet sind, gehören zu der besonders gefährdeten Gruppe. In besonderer Verantwortung für diese Gruppe wurde für die G`ttesdienste eine neue Form gefunden. In enger Absprache mit der Kultuskommission und unter Anleitung von Rabbiner Balla haben Jugendliche und junge Erwachsenen unter der Leitung von Illja Mizhys ab Juni am Freitagabend Kabalat Schabbat gefeiert. Natürlich unter strenger Beachtung der Hygienevorschriften. Die Gemeinde ist sehr froh, dass die jungen Mitglieder Verantwortung übernommen haben – ein gutes Zeichen für unsere Zukunft. Statt eines Kidduschs – gemeinsame Mahlzeiten sollten zu Corona-Zeiten vermieden werden, gab es für jeden kleine Chalot zum Mitnehmen nach Hause. Nach dem Appell der Bundeskanzlerin Merkel, Kontakte so weit wie möglich zu vermeiden, haben wir ab November die Synagoge Freitagabend generell geschlossen. Ob wir noch dieses Jahr in der Synagoge beten werden, ist im Augenblick nicht klar. Wir befürchten, eher nicht.      

In unserer Tradition hat die Synagoge drei Namen: Beit Tefilah, d.h. Haus des Gebets, Beit Midrasch d.h. Haus des Lernens und Beit Hakneset. d.h. Haus der Versammlung. Rabbiner Awraham Jizchak Hakohen Kuk war der erste Oberrabbiner des Landes Israel während der Zeit des britischen Mandats bis zu seinem Tode 1935. Nach seiner Lehre spricht der Mensch im Beit Tefilah mit dem Ewigen. Im Beit Midrasch, wo Thora gelehrt wird, spricht der Ewige mit dem Menschen. Aber im Haus der Versammlung, Beit-Kneset, stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen im Zentrum. Hier treffen wir unsere Freunde, feiern zusammen, musizieren und tanzen, lernen gemeinsam oder treffen uns einfach auf eine Tasse Tee. Hier trösten wir die Trauenden oder gratulieren zu fröhlichen Ereignissen. Beit Hakneset, das Haus der Versammlung, ist ein Ort der Annäherung, ein Ort, wo wir einander die Hand reichen, ein Ort des füreinander und des miteinander. Keiner dieser Eigenschaften kann unsere Synagoge zurzeit gerecht werden.

Im Judentum kann jeder für sich beten, überall, auch allein zu Hause. Jedoch ist das nicht das angestrebte Ideal. Um dieses Ideal zu erreichen, sollen mindestens neun weitere Personen mein Gebet unterstützen. Schon bei der Erschaffung der Welt betonte der Ewige „es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist“. Unsere Welt ist schöner, angenehmer, wenn wir sie mit anderen teilen.

Lernen und beten können wir auch allein. Aber es ist keine Alternative, kein Ersatz, für das Beten in der Synagoge. Die Vorschriften zur Eindämmung und Bewältigung der gegenwärtigen Pandemie sind notwendig und sinnvoll zum Schutz der Allgemeinheit und dürfen nicht in Frage gestellt werden. Aber sie stehen konträr zu unserem Verständnis von „Jüdischer Gemeinde“. Doch wir haben keine Wahl. Gemeinsam müssen wir die besonderen Herausforderungen dieser dunklen Zeit überstehen. Bald steht Chanukka vor der Tür. Das gemeinsame Zünden der Kerzen in der Synagoge wird wahrscheinlich nicht stattfinden können. Chanukka ist ein Feiertag des Lichts, jeden Abend eine Kerze mehr, jeden Abend mehr Licht. Bringen Sie Licht in ihre Wohnung und die Hoffnung, dass es bald besser sein wird.

Der Vorstand, der Gemeinderat, die Mitarbeiter unsere Gemeinde, der Verein Bikkur Cholim und viele andere versuchen für Sie, für uns alle, da zu sein. Mit der Impfung, die hoffentlich bald erfolgen kann, ist ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Chag sameach und achten Sie auf ihre Gesundheit!

Dr. Ruth Röcher

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